Wangen (Öhningen)
82

47.658884, 8.930156

Deportation

Hannlore König, Enkeltochter der am 22. Oktober 1940 abgeholten Nanette Wolf aus Wangen;

"Ich fuhr dann am 22. Oktober 1940 mit dem Fahrrad von der Schule in Gaienhofen nach Haus, und auf der Höhe des Blanhofs kam uns ein SS-Wagen entgegen. Und wenn ich ein Auto von der SS gesehen hab, da war mir der Hals schon zugeschnürt. Ich kam nach Hause, im Wohnzimmer saß meine Mutter und hat geweint, die Stefane saß auch am Tisch und hat geweint. Ich hab schon gar nichts gefragt. Da hat meine Mutter gesagt: „Man hat die Großmutter und die Tante Selma abgeholt und die anderen Leute auch. ——— Ich glaube, das war der schlimmste Tag meines Lebens. Ich kann das gar nicht beschreiben, Auf einmal war die Großmutter weg. Man hatte ja keine Ahnung, wo die hingekommen sind. —— Das weiß ich aus Erzählungen: die SS-Männer kamen ins Haus, meine Großmutter saß beim Frühstück und sah diese beiden Männer und hat sie freundlich begrüßt und glaub ich noch gefragt: möchten Sie auch einen Kaffee* — also unfassbar. Und die nehmen meine 88-jährige Großmutter mit und die Tante Selma auch und die ganzen anderen Leute, die Frau Sandmer, den Alfred Wolf und die Paula Wolf, die Rosel Wolf und die Fanny Bernheim. Es war ein geschlossenes Auto, ich hab keine Leute gesehen.  Irgendwann hat man dann erfahren, dass die Großmutter und Tante in Gurs sind, man hatte ja keine Ahnung, wo das überhaupt ist, in den Pyrenäen."

Aus: Overlack, Anne: Wangen am See, September und Oktober 1940 : ein Gedenken / Hrsg. vom Freundeskreis Jacob Picard in Wangen, Singen, S. 22

Jüdische Ortsgeschichte

Der Zuzug mehrerer jüdischen Familien in das reichsritterschaftlichen Dorf Wangen im Jahre 1611 markiert den Anfang jüdischen Lebens in dem Höridorf. Die Herrschaft ließ ihnen Grundstücke am hochwassergefährdeten Seeufer zuweisen, was auf ihre geringen wirtschaftlichen Möglichkeiten schließen lässt. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts verbesserte sich die wirtschaftliche Lage der Wangener Juden, davon zeugen heute noch einige städtisch anmutende Häuser. Bei einem Gang durch das Dorf lässt sich heute noch der Unterschied zwischen dem ehemaligen Wohnviertel der beiden Konfessionen erkennen: Im Oberdorf, die für die Höri typischen „Einhäuser“ mit ihren Satteldächern, der christlichen Landbevölkerung, im Unterdorf und längs der Hauptstraße die mit Walmdächern versehenen Bürgerhäuser der jüdischen Familien.

Die 1759 zum ersten Mal erwähnte Synagoge – ein Holzbau – ließ die jüdische Gemeinde 1825 durch einen stattlichen Neubau am Seeufer ersetzen. Bis 1827 bestattete sie ihre Toten auf dem jüdischen Friedhof in Gailingen, danach auf ihrer neu angelegten Begräbnisstätte östlich des Ortes. 1862, im Jahr der rechtlichen Gleichstellung der jüdischen Bevölkerung Badens, machten die 200 Jüdinnen und Juden etwa ein Drittel der Einwohnerschaft Wangens aus. 40 Jahre war die Mitgliederzahl der jüdischen Gemeinde um die Hälfte geschrumpft. 1920, als die jüdische Gemeinde noch etwa 30 Mitglieder zählte, musste sie ihre Volksschule wegen Schülermangels aufgeben.

Zu Beginn der NS-Zeit 1933 lebten nur noch etwa 20 Juden in Wangen, die sich zumeist vom Textil- und vom Viehhandel ernährten. Am 10. November 1938, während des Novemberpogroms, steckten SS-Angehörige aus Radolfzell die Wangener Synagoge in Brandt. Die drei noch im Dorf wohnenden jüdischen Männer wurden von den SS-Männern schwer misshandelt und anschließend ins KZ Dachau verbracht, wo man sie für mehrere Wochen festhielt.

 

Zeugnisse jüdischen Lebens
Synagoge

Das wiedererstellte Portal der 1938 zerstörten Synagoge am Seeweg lenkt den Blick auf den Standort des Gotteshauses.

Friedhof

Der Friedhof der ehemaligen jüdischen Gemeinde Wangen liegt außerhalb des Dorfes in Richtung Radolfzell.

Andere Zeugnisse

Die „Jacob-Picard-Gedenkstätte“ im alten Rathaus ist dem aus Wangen stammende Jacob Picard, dem Dichter des badischen Landjudentums, gewidmet.

Quellen
Overlack, Anne: „In der Heimat eine Fremde" : das Leben einer deutschen jüdischen Familie im 20. Jahrhundert ; Erinnerungen und Dokumente, Tübingen 2016
Fidler, Helmut: Geschichte der jüdischen Gemeinde in Wangen : ein Überblick, in: Bosch, Manfred: Jacob Picard 1883-1967, 2017, S. 105-209
Overlack, Anne: Wangen am See, September und Oktober 1940 : ein Gedenken / Hrsg. vom Freundeskreis Jacob Picard in Wangen, Singen 2015
Overlack, Anne: „Aber es waren drei Brüder, und sie hatten Namen..." : zur Geschichte von Friedrich, Leonhard und Karl Wolf aus Wangen , in: Hegau 78 (2021), S. 179-200
Mann, Claudia: Jüdisch-christliches Miteinander : das jüdisch-christlich geprägte Unterdorf in Wangen am Bodensee hat seinen historischen Ortskern bewahrt ( ), in: Erforschen und Erhalten 5 (2022), S. 176-179