Wenkheim

Gruppe: 2018 / Jugendkreis der evang. Kirchengemeinde Wenkheim

Jugendkreisleiter der evangelischen Kirchengemeinde Wenkheim wurden von dem Synagogenverein angefragt, ob der Jugendkreis, bestehend aus ca. 6 Jugendlichen, bereit wäre, den Stein für dieses Projekt umzusetzen. Zuerst wurde der geschichtliche Hintergrund des Judentums im Allgemeinen durchleutet. Der Durchgang durch die Geschichte begann bei den biblischen Erzählungen im Alten und Neuen Testament und endete im 20 Jahrhundert. Gerade die jüdische Geschichte des eigenen Dorfes interessierte uns sehr. Durch unterschiedliche Zeitzeugenberichte in der Wenkheimer Synagoge, konnten wir uns ein genaueres Bild der damaligen Zeit machen. Ebenso befassten wir uns mit den Verbindungen des Judentums zum Christentum.

Als das erste Treffen mit dem Steinmetz näher rückte, haben wir mit Ton und Papier erste Modelle des vorläufigen Steines angefertigt. Die ersten Ideen waren unter anderem zwei Hände, welche sich ein Matzenbrot teilen (da dies auf die ehemalige Matzenbäckerei in Wenkheim hinweisen sollte). Die Hände sollten ein Symbol für die Verbindung zwischen den deportierten Juden und der heutigen Generation darstellen. Diese Idee konnte aber technisch nicht umgesetzt werden. Im Gestalten ist uns gerade die Verbindung von damals und heute besonders wichtig geworden.

Da wir nicht für die Schuld an den Fehlern unserer Vorfahren tragen, aber trotzdem auch sehr entsetzt sind, über das, was damals geschah, war es uns wichtig, deutlich zu machen, dass wir für die Zukunft Verantwortung tragen. Deshalb haben wir uns entschieden dieses Motto in Form eines Zitates aus dem Lied „Deine Schuld“ von der Band DieÄrzte auf unserem Stein zu verewigen. „Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist. Es ist nur deine Schuld, wenn sie so bleibt.“ Der Maschendraht trennt die beiden Teile des Zitates in vergangene und zukünftige Aussagen. Damit soll dem Betrachter dieses Steines seine Verantwortung für diese Gesellschaft verdeutlicht werden. Der Maschendraht, der das Zitat trennt, symbolisiert die Deportation und die schrecklichen Umstände in den Lagern, Wir sind sehr froh und fühlen uns geehrt, an diesem großen Projekt mitwirken zu dürfen.

Ein großer Dank geht an alle, die uns während dieser Zeit begleitet haben. Sie haben uns dabei unterstützt, ein Denkmal für die Zukunft zu errichten, damit dies nicht noch einmal passiert. Es liegt in unser aller Hände.

Stein vor Ort

Geschichtsabriss:

Die Existenz von Juden im Dorfe Wenkheim wird urkundlich erstmals in der zweiten Hälfte des 16.Jahrhunderts erwähnt (1576 und 1591). Die Juden Wenkheims waren im Vieh- und Warenhandel, vor allem mit Kramwaren, auf den Märkten Tauberfrankens präsent. Um 1650 lebte nur noch eine einzige jüdische Familie hier; erst danach zogen wieder einige wenige nach Wenkheim. Die jüdische Gemeinde Wenkheim verfügte seit dem 17.Jahrhundert über einen Betraum und eine Mikwe; in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts wurde der Neubau einer Synagoge notwendig, der um 1840 realisiert wurde. Im Keller des Gebäudes war das Ritualbad untergebracht. Der israelitische Friedhof in Wenkheim wurde um 1590 angelegt; er befand sich im Gewann „Großer Wald“. Dieser Verbandsfriedhof diente auch verstorbenen Juden zahlreicher bayrischer Grenzgemeinden als letzte Ruhestätte; die letzte Beerdigung fand hier 1938 statt. Die um 1860/1870 einsetzende Abwanderung jüdischer Familien führte dazu, dass sich innerhalb von nur 25 Jahren die Zahl der jüdischen Bewohner in Wenkheim halbierte. Gegen Ende der Weimarer Republik bestanden in Wenkheim mehrere Viehhandlungen und einige andere Geschäfte in jüdischem Besitz.

In der NS-Zeit - 1933-1945

Höhepunkt der antijüdischen Gewaltmaßnahmen vor der Vertreibung der Wenkheimer Juden 1940 war der Abend des 10.November 1938: SA-Männer aus Tauberbischofsheim und Großrinderfeld demolierten und plünderten die Inneneinrichtung der Synagoge. Anschließend zogen einheimische SA-Leute zu den „Judenhäusern“; hier kam es zu Ausschreitungen und Plünderungen. Den Juden Wenkheims wurde nun der Zutritt zur Synagoge verboten. Der NSDAP-Ortsgruppenleiter sorgte dafür, dass das Gebäude beschlagnahmt und zur Nutzung der HJ übergeben wurde. Anfang September 1939 wurden die wenigen noch in Wenkheim lebenden Juden von SA-Angehörigen aus ihren Häusern geholt und für mehrere Wochen in einem Gebäude festgesetzt; anschließend mussten sie Feldarbeit leisten. Mindestens zwölf Wenkheimer Juden fielen dem Holocaust zum Opfer. Das ehemalige Synagogengebäude und der jüdische Friedhof mit seinen mehr als 1.000 Grabsteinen sind erhalten geblieben. An einigen Häusern Wenkheims deuten heute noch Initialen auf ihre einstigen jüdischen Bewohner hin.

Gedenken und Spuren

1984 wurde in Wenkheim der „Verein zur Erforschung jüdischer Geschichte und Pflege jüdischer Denkmäler im tauberfränkischen Raum” gegründet. Ab 1992 präsentierte sich der Synagogenraum wieder in seiner ursprünglichen Form.In einem Teil der früheren Wohnung des Kantors wurde ein kleines Dokumentationszentrum eingerichtet, den anderen Teil nutzt die katholische Kirchengemeinde. Auf der Frauenempore ist eine Dauerausstellung zur jüdischen Geschichte der Region untergebracht. 2005 wurde die restaurierte Mikwe Besuchern zugänglich gemacht; im Synagogengebäude brachte man eine Tafel an, die über die Geschichte des Gebäudes bzw. der jüdischen Gemeinde von Wenkheim informiert.

Literatur

Bookmann, Margaretha (Bearb.): Jüdischer Friedhof Werbach-Wenkheim, Unveröffentlichte Grunddokumentation des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg, 1996

Die Juden in Tauberfranken - Quellen und didaktische Hinweise für die Hand des Lehrers, Hrg. Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg 1984

Die Juden in Tauberfranken 1933 - 1945, Hrg. Landeszentrale für politische Bildung in Baden-Württemberg

Hahn, J. / Krüger, J.: “Hier ist nichts anderes als Gottes Haus ...” Synagogen in Baden-Württemberg, Teilband 2: Orte und Einrichtungen, Stuttgart 2007, S. 513 – 515

Hahn, Joachim: Synagogen in Baden-Württemberg, Stuttgart 1987, S. 81 - 83

Hahn, Joachim: Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg, Stuttgart 1988, S. 361 ff.

Hundsnurscher, F. / Taddey, G.: Die jüdischen Gemeinden in Baden - Denkmale, Geschichte, Schicksale, Hrg. Archivdirektion Stuttgart, Band 19, Stuttgart 1968, S. 292/293

Landsynagogen. Zwischen Kulturdenkmal, Gedenkstätte und Lernort, Eine Dokumentation der Tagung in Waren an der Müritz, April 2002, S. 26/27 S

chwierz, Israel: Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation, München 1992, S. 134/135

Weiß, Elmar: Jüdisches Schicksal im Gebiet zwischen Neckar und Tauber, Hrg. Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, 1979

Weiß, Elmar: Zeugnisse jüdischer Existenz in Wenkheim. Veröffentlichungen Band 1 - 1992, Hrg. Verein zur Erforschung jüdischer Geschichte und Pflege jüdischer Denkmäler im tauberfränkischen Raum, Tauberbischofsheim 1992

Weiß, Elmar: Wenkheim – ein fränkisches Dorf im Laufe seiner Geschichte. Heimatbuch, Osterburgen 2009, S. 441 - 474

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